Katja Heimann-Kiefer schreibt über Übersetzen, Sprache und Text, Lesen und Vorlesen und den ganzen Rest

Unzulässige Kombination: „Medizinische Maskenpflicht“

Kiefheim klärt auf

Auch Anfang 2022 bleiben Masken ein aktuelles Thema, denn insbesondere medizinische Masken schützen vor einer Coronainfektion. Vielerorts besteht sogar die Pflicht zum Tragen solcher Masken. Aber ist das wirklich eine „medizinische Maskenpflicht“, wie man immer wieder liest?

Screenshot, in dem von "medizinische Maskenpflicht" die Rede ist

Was ist hier das Problem?

Bei einem zusammengesetzten Substantiv (in der Grammatik nennt man das „Kompositum“) ist immer der letzte Teil maßgeblich und bestimmt, worum es sich handelt: Ein Straßenschuh ist ein Schuh, keine Straße. Fachkommunikation ist eine Form der Kommunikation, kein Fach. (Das erkennt man übrigens auch daran, dass das Geschlecht des ganzen Wortes durch den letzten Teil bestimmt wird: der Straßenschuh, die Fachkommunikation.)

Die Maskenpflicht ist also eine Pflicht, keine Maske. Medizinisch ist jedoch wiederum die Maske, nicht die Pflicht, denn gefordert werden OP-Masken und FFP2-Masken; Stoffmasken, Schlauchschals und dergleichen sind out. Das Problem bei dem Ausdruck „medizinische Maskenpflicht“ besteht also darin, dass durch das Zusammenziehen von „medizinische Maske“ und „Maskenpflicht“ eine unerwünschte Bedeutung entsteht: Medizinisch ist in diesem Ausdruck die Pflicht, nicht mehr die Maske.

Wie geht es besser?

Wie beschrieben können wir aus „medizinische Maske“ + „Maskenpflicht“ keine „medizinische Maskenpflicht“ machen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter auszuholen und den Sachverhalt mit mehr Worten zu beschreiben: „die Pflicht zum Tragen einer medizinischen Maske“. Ist das in einem Text einmal eingeführt, kann man im weiteren Verlauf sicherlich von „dieser Maskenpflicht“ oder nur „Maskenpflicht“ sprechen. Dann muss man nicht jedes Mal die volle Formulierung verwenden, die zugegebenermaßen etwas langatmig ist.

Weitere Beispiele

Für den Blog habe ich noch weitere Beispiele gesammelt, an denen sich dieses Phänomen ebenfalls zeigt:

Werbung für eine Veranstaltung: "Wiener Walzerklänge"„Wiener Walzerklänge“ sind keine Wiener Klänge, sondern es wird Wiener Walzer gespielt.

 

 

in einem Zeitungsartikel: "sprechen von einem dummen Jungenstreich"Der „dumme Jungenstreich“ ist kein dummer Streich (okay, okay, das sicherlich auch!), denn im gängigen Sprachbild ist der Junge dumm, nicht der Streich. Daher heißt es korrekt „Dumme-Jungen-Streich“ oder „Dummejungenstreich“.

 

 

Dressing-Rezept: i TL schwarzes JohannisbeergeleeJohannisbeergelee ist rot: leuchtend rot, wenn es aus dem Saft von roten Johannisbeeren gemacht ist, dunkelrot, wenn der Saft von schwarzen Johannisbeeren drinsteckt. Schwarz ist es aber nie.

 

 

 

 

Stellenanzeige, man sucht einen "Dualen Studenten"Was ist ein „dualer Student“? Wie kann ein Mensch dual sein? Gemeint ist natürlich eine Person, die in dieser Firma den betrieblichen Teil eines dualen Studiums absolvieren möchte, aber meines Erachtens funktioniert der Ausdruck „dualer Student“ nicht.

 

 

 

Sind Ihnen auch schon Beispiele begegnet, die in dieses Schema passen? Schreiben Sie einen Kommentar, ich bin gespannt!

4 Kommentare

  1. Sehr gut und/weil anschaulich erklärt. Nicht ganz dasselbe, aber immerhin ähnlich: „Freie und Hansestadt Hamburg“. Steht auf ganz vielen Schildern.
    Ich frage mich auch bei der Annonce mit dem „dualen Studenten“, was ein „Azubi Technischer Systemplaner“ ist.
    Gibt es untechnische Planer? Oder sollte es eher heißen „Auszubildender für die Planung technischer Systeme“?

    Frank
    1. Sehr schön gesehen! Beim technischen Systemplaner gebe ich dir voll und ganz recht, das ist bestimmt die Planung technischer Systeme: Systemplaner sind genauso wenig technisch, wie Studenten dual sind.

      Bei der Freien und Hansestadt Hamburg … auf meine Heimatstadt lasse ich so schnell ja nichts kommen, aber es stimmt, das hinkt. Das ist eine Konstruktion wie z. B. auch „eine kabelgebundene und eine Solartastatur“: Weil der eine Ausdruck zweiteilig ist, der andere nur aus einem Wort besteht, muss man das auflösen zu „eine kabelgebundene Tastatur und eine Solartastatur“. Müsste man bei Hamburg auch – aber da empfinde ich das als charmante Unebenheit eines Ausdrucks, der damit zur Marke wird.

  2. Gut, dann nenne ich mich jetzt dreiköpfiger Familienvater und achtzehnköpfiger Hauptschulklassenlehrer.
    Kanu- und Segelgilde ist dann aber auch falsch, um noch ein Beispiel zu nennen, das mir gerade einfällt. Ein Kanu ist ein vollständiges Boot, ein Segel nur eine Antriebshilfe.

    Frank

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