Katja Heimann-Kiefer schreibt über Übersetzen, Sprache und Text, Lesen und Vorlesen und den ganzen Rest

Wie viel kostet die Übersetzung unserer Website?

Eine Website in deutscher Sprache ist unverzichtbar für ein Unternehmen, das auf dem deutschen Markt aktiv sein möchte. Was Unternehmen zur Übersetzung von Websites wissen sollten, erklärt dieser Artikel.

In meinem Posteingang finde ich eine Mail, langjähriges Kundenunternehmen, neuer Ansprechpartner. Herr Schulze schreibt: „Hallo Frau Heimann-Kiefer, wir möchten unsere Website übersetzen lassen. Dazu hätten wir gerne eine Kostenschätzung für die Übersetzung der kompletten Website von Ihnen.“

Orangefarbener handgeschriebener Zettel an einem Brückengeländer: "Hier lang".Ich freue mich auf die Aussicht, dem Unternehmen Texte zu liefern, mit denen es sich glänzend präsentieren kann. Doch leider ist die Sache komplizierter, als diese Bitte klingt: Der wesentliche Faktor für die Kosten einer Übersetzung ist der voraussichtliche Zeitbedarf, und der hängt ganz wesentlich von der Textmenge ab. Um eine Kostenschätzung auszuarbeiten, muss ich also wissen, um wie viel Text es geht. Das zu ermitteln kann bei Websites knifflig werden.

Im Idealfall erhalte ich die gewünschten Texte gleich mit der Bitte um ein Angebot. Das hat den großen Vorteil, dass für beide Seiten von vorneherein klar ist, was genau übersetzt werden soll. Doch manchmal liegen diese Texte – aus welchem Grund auch immer – nicht vor, und es muss anders gehen. (Wenn ich die Textmenge selbst ermitteln muss, füge ich die Texte meinem Angebot bei, damit unmissverständlich dokumentiert ist, worauf sich das Angebot bezieht.)

Ich greife zum Hörer und rufe Herrn Schulze an: Kann er mir die zu übersetzenden Texte zuschicken? Nein, die liegen ihm nicht vor, aber sie brauchen erst einmal nur eine Hausnummer für die Kosten, „einfach die ganze Website, bitte“.

Doch auch für die gewünschte Hausnummer brauche ich eine Vorstellung von der Textmenge, ich muss mir also selbst einen Überblick verschaffen. Deshalb rufe ich als erstes die Website des Unternehmens auf, es gibt einige Fragen zu klären.

Erste Frage: Besteht die Website aus statischen oder dynamischen Seiten?

Eine statische Webseite enthält festgelegte Inhalte in festgelegtem Code. Im einfachsten Fall handelt es sich um ein schlichtes HTML-Dokument. Ein Beispiel dafür ist meine Website: Sie besteht aus HTML-Seiten, und bei jedem Aufruf, egal wann, von wo und von wem, wird derselbe Inhalt angezeigt. (Den Unterschied zwischen „Website“ und „Webseite“ lesen Sie hier nach.)

Anders ist das bei dynamischen Seiten: Diese werden bei jedem Aufruf frisch generiert. Struktur und Layout einer Seite sind fest, aber die darin präsentierten Inhalte werden situationsabhängig neu zusammengestellt. Kriterien können zum Beispiel Tageszeit, Person und Standort sein – stellen Sie sich die Website eines Versandhauses vor, die Ihnen automatisch Artikel in Ihrer Lieblingsfarbe und Ihrer Größe vorschlägt. (Und selbst dieser Blog zählt schon zu dynamischen Websites. Das können Sie ausprobieren, indem Sie oben in der Menüleiste oder rechts bei den Schlagwörtern auf die verschiedenen Kategorien klicken: Sie erhalten jedes Mal eine andere Artikelzusammenstellung.) Wenn eine Website aus dynamischen Seiten besteht, ist es nicht möglich, die Textmenge im Rahmen eines Website-Besuchs verbindlich zu ermitteln, weil die eigentlichen Inhalte aus Quellen stammen, die nicht direkt zur Website gehören.

Die Website von Herrn Schulzes Unternehmen scheint aus statischen Seiten zu bestehen, ich notiere mir lediglich, dass ich ihn nach dem Slider und dem Bereich mit aktuellen Meldungen fragen muss, denn das sind Inhalte, die meist häufiger wechseln.

Zweite Frage: Was gehört eigentlich alles zur Website?

Ich klicke mich durch die verschiedenen Seiten und stelle fest, dass manche Einträge im Navigationsmenü zu Seiten führen, die zu anderen Web-Adressen des Unternehmens gehören. Zählen die Inhalte auf diesen Seiten noch zu der Website, die übersetzt werden soll? Das kann ich nicht alleine entscheiden. Eine weitere Frage, die ich für Herrn Schulze notiere.

Dritte Frage: Wo bekomme ich die Texte her?

Einen ersten Überblick über die Website habe ich nun, aber wo bekomme ich die Texte her, die ich für meine Kostenschätzung benötige?

Eine Möglichkeit besteht darin, das Navigationsmenü systematisch, eine Seite nach der anderen, abzuarbeiten, die Texte herauszukopieren und am Ende zu schauen, wie viel Text zusammenkommt. Das macht nicht nur viel Arbeit, sondern ist auch fehlerträchtig, denn es kann passieren, dass ich Seiten und Inhalte übersehe, beispielsweise weil sie nicht über das Menü, sondern nur durch Links im Text zu erreichen sind.

Ich stelle fest, dass die Website eine Sitemap enthält. Das ist eine große Hilfe, denn eine Sitemap ist eine Liste mit Links zu allen Seiten, aus denen die Website besteht. Damit erwische ich alle Inhalte zuverlässig.

Weniger Arbeit hätte ich mit einem Tool wie HTTrack, das die komplette Website auf meine Festplatte kopiert: Damit kann ich sicher sein, wirklich alle Inhalte zu erfassen. Doch auf diese Weise erhalte ich natürlich nicht nur die auf dem Bildschirm angezeigten Texte, sondern auch den gesamten Code um sie herum. Und das wirft eine neue Frage auf:

Vierte Frage: Wie trenne ich Code von Text?

Moderne Tools zum Umgang mit Dateien, die übersetzt werden sollen, sind durchaus in der Lage, mit HTML- oder XML-Code umzugehen. Sie können Text und Code unterscheiden und präsentieren mir nur den Text, den ich bearbeiten muss. Der Code bleibt unangetastet, und das muss auch so sein, damit die übersetzte Seite später noch korrekt funktioniert.

Bei aktuellen Websites ist der Code jedoch meist komplexer, dann können meine Tools Text und Code nicht mehr voneinander trennen. Testweise öffne ich die HTML-Datei zu einer Seite der Website. Pech gehabt: Mein Tool hält einen Großteil des Codes für zu übersetzenden Text. Unter diesen Voraussetzungen kann eine Analyse der Textmenge keine verlässlichen Zahlen liefern. Ein Web-Kopierer wie HTTrack ist mir für diese Website also keine Hilfe.

Fünfte Frage: die „ganze“ Website?

Comic: Ganz Gallien ist besetzt. Ganz? Ganz!Ich entschließe mich dafür, anhand der Sitemap systematisch alle Seiten durchzugehen und die Texte herauszukopieren. Das ist zwar „Fußarbeit“, aber bei einer nicht sehr umfangreichen Website machbar. Beim Kopieren bekomme ich, auch ohne alles von vorne bis hinten durchzulesen, einen Eindruck von den Inhalten und notiere mir weitere Fragen für Herrn Schulze: Sollen die Seiten mit Produkten, die ausdrücklich nicht in der EU erhältlich sind, auch übersetzt werden? Brauchen Sie die Ankündigung des Messestands in Indianapolis im nächsten Monat wirklich auf Deutsch?

Herr Schulze bat zwar ausdrücklich um die „ganze Website“, doch eine Übersetzung dieser Inhalte scheint mir nicht sinnvoll. Ich möchte nicht, dass mein Kunde Geld für Texte ausgibt, die sein Unternehmen bei näherem Hinsehen gar nicht benötigt.

Es ist Zeit für ein weiteres Gespräch mit Herrn Schulze. Anhand der konkreten Beispiele kann ich ihm zeigen, dass „einmal Website mit alles“ nicht in seinem Interesse ist, und er bedankt sich für meine Aufmerksamkeit. Gemeinsam gehen wir die Sitemap durch und streichen alle nicht benötigten Seiten. Am Ende staunen wir, was dabei zusammenkommt: Die Textmenge sinkt um rund 10.000 Wörter – mit enormen Auswirkungen auf die Kosten!

Am Ziel!

Mit diesen Informationen kann ich eine solide Kostenschätzung ausarbeiten und abschicken. Jetzt muss ich warten, wie es mit dem Projekt weitergeht und ob ich den Zuschlag bekomme. Drücken Sie mir mal die Daumen!

Fazit: Mein Tipp für Unternehmen

Sie möchten Ihre Website ins Deutsche übersetzen – eine gute Entscheidung. Doch dafür ist Ihre Mitwirkung erforderlich, und zwar bevor Sie jemanden um ein Angebot bitten. Prüfen Sie vorab sorgfältig, welche Inhalte wirklich übersetzt werden sollen. Stellen Sie diese Inhalte als Textdokument zusammen, denn das erleichtert der Übersetzerin die Kalkulation des Angebots und die spätere Bearbeitung. Das macht zwar erst einmal mehr Mühe, spart aber allen Beteiligten Zeit für Rückfragen und stellt Ihr Projekt auf eine verbindliche Grundlage. Und das ist eine wichtige Voraussetzung für den reibungslosen Ablauf des gesamten Projekts.

 

2 Kommentare

  1. Grobe Kosteneinschätzung – nur eine Hausnummer, sagen wir das nicht auch gerne, wenn wir eine Malerfirma oder einen Reparaturbetrieb beauftragen? Warum das für Übersetzungen so schwierig ist, ist hier sehr einleuchtend beschrieben.

    Und immer wieder: Welch passende Bilder zum Untermalen des Blogtextinhaltes! Auch die finde ich immer wieder schön.

    Frank
    1. Ich hatte tatsächlich überlegt, als Beispiel anzuführen, dass niemand auf die Idee käme, bei einem Malerbetrieb ein Angebot einzuholen mit der Ansage: „Wie viel kostet es, unsere Wände neu zu streichen, unser Haus hat fünf Zimmer?“ Natürlich muss da erstmal jemand kommen und alles genau in Augenschein nehmen, klären, ob vorher die Tapete abgemacht werden soll, ob die Wände vor dem Streichen geglättet werden sollen, ob man glänzende oder matte Farbe möchte, vielleicht sogar Ökofarbe und welchen Farbton überhaupt …

      Das hatte ich also überlegt, mich aber dagegen entschieden, weil ich mich damit in diesem ohnehin schon recht langen Artikel zu weit vom eigentlichen Thema entfernt hätte. Danke, dass du mir hier so schön die Gelegenheit gibst, diesen Vergleich doch noch anzubringen!

      (Und ja, Bilder auszuwählen, macht Spaß!)

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