{"id":923,"date":"2021-12-21T08:39:06","date_gmt":"2021-12-21T07:39:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kiefheim.de\/blog\/?p=923"},"modified":"2025-12-11T16:01:45","modified_gmt":"2025-12-11T15:01:45","slug":"weihnachtsgeschichte_2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kiefheim.de\/blog\/weihnachtsgeschichte_2021\/","title":{"rendered":"Eine Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Eine Weihnachtsgeschichte, von mir f\u00fcr Sie. Holen Sie sich einen hei\u00dfen, duftenden Tee und einen Teller mit Pl\u00e4tzchen und reisen Sie, na, sagen wir f\u00fcnfzig, sechzig Jahre zur\u00fcck zu einem kalten Hamburger Heiligabend \u2026<\/p>\n<blockquote>\n<h2>Kleine Ursache, gro\u00dfe Wirkung<\/h2>\n<p>Marthe fror. Ihren Heiligabend hatte sie sich anders vorgestellt, jetzt stand sie schon bald anderthalb Stunden in dieser zugigen, dunklen Ecke hinter dem Kiosk. Fridtjof h\u00e4tte l\u00e4ngst hier sein m\u00fcssen. Sie wollten doch heute in ihr gemeinsames Gl\u00fcck starten, ganz heimlich. Schade, aber was blieb ihnen anderes \u00fcbrig, wenn ihre Eltern nichts von Fridtjof h\u00f6ren wollten? \u201eBlo\u00df ein armer Schlucker\u201c, sagte Vater immer, und damit war die Diskussion dann beendet. Ach, was wusste Vater denn schon! Sicher, Fridtjof stand nach dem Tod seiner Eltern mittellos da, aber er war flei\u00dfig und hatte zwei kr\u00e4ftige H\u00e4nde, die t\u00fcchtig zupacken konnten \u2013 und doch ganz sanft waren. Und seine lieben, warmen hellbraunen Augen\u00a0\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Marthe seufzte, zog ihr Wolltuch enger um die Schultern und trat von einem Fu\u00df auf den anderen. Auf der gro\u00dfen Stra\u00dfe weiter vorne war schon seit geraumer Zeit kein Auto mehr entlanggefahren, und hinter immer mehr Fenstern in den dunkel geklinkerten Fassaden der umliegenden Wohnh\u00e4user gingen heimelige Lichter an. Dort oben kamen jetzt Familien zusammen, froh, miteinander Weihnachten zu feiern. Selbst die Kioskfrau hatte vorhin ein Licht nach dem anderen ausgemacht, den Kiosk zugeschlossen und war am Arm eines Mannes mit dicker Nase und Schieberm\u00fctze davongeschnauft. \u201eAch, min Deern\u201c, hatte sie gesagt, \u201ehe kummt nich mehr. Gah man no Hus, is doch Wiehnachtsobend!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcrde Fridtjof noch kommen, Marthe war ganz sicher gewesen. Doch mittlerweile wurden ihre Zweifel immer lauter. Ein weiteres Mal zog sie seine Nachricht aus der Manteltasche. \u201eUm 4 Uhr nachmittags hinter dem Kiosk Hammersteig. In Liebe, F.\u201c Sie hob den Blick und las erneut, was in wei\u00dfer Schrift auf dem dunkelblauen Stra\u00dfenschild stand: \u201eHammersteig\u201c. Im Schein der Stra\u00dfenlaterne sah sie eine Schneeflocke nach unten schweben, dann noch eine und noch eine und immer mehr. Jetzt begann es auch noch zu schneien. Ach, Fridtjof! Was f\u00fcr ein himmlischer Heiligabend h\u00e4tte das sein k\u00f6nnen \u2026 Die Kirchturmuhr in der N\u00e4he schlug halb sechs. Sie k\u00f6nnte es noch rechtzeitig nach Hause schaffen, bevor Mutter die W\u00fcrstchen aufgew\u00e4rmt und den Kartoffelsalat abgeschmeckt h\u00e4tte. Sie seufzte noch einmal, nahm den alten Pappkoffer vom Boden auf und trottete los.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Weihnachtsfest in diesem Jahr brachte Marthe mehr schlecht als recht hinter sich, herzlich bedauert von ihrer Familie, dass ihr ausgerechnet zum Fest so eine schlimme Magenverstimmung den Appetit, den Frohsinn und den Glanz in den Augen raubte. Nach den Feiertagen versuchte sie, Fridtjof an seiner bisherigen Anschrift zu erreichen. Doch er war Heiligabend abgereist, Ziel unbekannt, seine Vermieterin bedauerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele Monate gingen ins Land. Nach und nach fiel die Traurigkeit von Marthe ab. Irgendwann lernte sie Paul kennen, er bediente in der Elektrowarenhandlung. Bald darauf heirateten sie. Er \u00fcbernahm das Gesch\u00e4ft, sie bekamen Kinder, sp\u00e4ter Enkel. Es waren gute Jahre, und Marthe war zufrieden. Nach Pauls Tod richtete sie sich, obwohl es anfangs schwer war, schlie\u00dflich auch in ihrem Leben als Witwe ein. In all den Jahren gelang es ihr, nur selten an Fridtjof zu denken. Am schwierigsten war das immer an Heiligabend, doch daf\u00fcr hatte Marthe ihre ganz eigene Strategie entwickelt. Ihre Familie genoss die aufw\u00e4ndigen und abwechslungsreichen Festtagsmen\u00fcs, die sie ihnen Jahr f\u00fcr Jahr vorsetzte, doch ihre Lieben ahnten nicht im Entferntesten, dass all das Planen, Einkaufen, Schnippeln, Reiben, R\u00fchren, Braten, Schmoren und Dekorieren im Wesentlichen dazu diente, Marthes Denken so mit Beschlag zu belegen, dass in diesen Tagen f\u00fcr Erinnerungen an Fridtjof kein Platz war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Jahr hatte sie ihre Enkelin gebeten, ihr zu helfen. Den Klo\u00dfteig bereitete sie gerne schon am Vortag zu, aber das Hantieren mit Kartoffeln und Reibe war f\u00fcr ihre alten Knochen langsam zu anstrengend. \u201eOmi\u201c, sagte Maja nun, \u201ewarum machst du eigentlich jedes Jahr so einen Riesenaufwand mit dem Essen? Halb so viel w\u00fcrde doch reichen, oder wir bringen einfach alle etwas mit. Es f\u00e4llt dir doch immer schwerer.\u201c Sie wischte ihre Finger an der Sch\u00fcrze ab, strich sich eine braune Str\u00e4hne hinter das Ohr und griff nach der n\u00e4chsten Kartoffel. Marthe, das Sch\u00e4lmesser in der Hand, antwortete nicht. Ihr war ein Gedanke gekommen. Maja hielt mit dem Reiben inne, sah sie besorgt an. \u201eOmi?\u201c \u2013 \u201eWarum ich das mache? Dann will ich dir das mal erz\u00e4hlen. Bin gleich wieder da.\u201c Entschlossen stand Marthe auf und verlie\u00df die K\u00fcche. Kurz darauf kam sie wieder, in der Hand einen Briefumschlag, dessen R\u00e4nder ganz vergilbt waren. \u201eWei\u00dft du, Maja, du warst doch im Sommer so verliebt, in diesen Eric\u00a0\u2026\u201c\u00a0 \u2013 \u201eOmi! Erinnre mich nicht an den!\u201c \u2013 \u201eSiehst du, du willst nicht an den denken. Es gibt auch in meinem Leben jemanden, an den ich all die Jahre nicht erinnert werden wollte. Dar\u00fcber habe ich nie gesprochen. Wasch dir mal die H\u00e4nde, dann darfst du dir ansehen, was er mir damals geschrieben hat. Er hie\u00df Fridtjof, und wir wollten eigentlich zusammen fortgehen. Es war Heiligabend\u00a0\u2026\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am folgenden Tag war wieder Heiligabend. Drau\u00dfen ging das tr\u00fcbgraue Tageslicht in eine blaue D\u00e4mmerung \u00fcber. Marthe pr\u00fcfte noch einmal den gedeckten Tisch: poliertes Silberbesteck, die guten Kristallgl\u00e4ser, Stoffservietten \u2013 alles ganz festlich, so war es richtig. Sie schloss die Augen und sp\u00fcrte der Stille nach, ein letzter Moment der Ruhe, bevor der Weihnachtstrubel losging. Nicht lange danach klingelte es, sie ging langsam zur Haust\u00fcr, \u00f6ffnete. Ein lautes, lachendes Kn\u00e4uel aus Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln quoll mit gro\u00dfem Hallo in die Diele. Man umarmte einander, stellte Taschen und T\u00fcten ab, wand sich aus Schals, h\u00e4ngte Jacken auf. In dem ganzen Durcheinander nahm Maja sie beiseite. \u201eKomm mal mit.\u201c Sie zog sie in die K\u00fcche, schloss die T\u00fcr leise, aber mit Nachdruck, und \u00fcberreichte ihr mit zufriedener Miene einen Umschlag. \u201eF\u00fcr Omi\u201c stand in roten Buchstaben darauf. Marthe blickte Maja fragend an. Die nahm ein Messer aus der Besteckschublade und reichte es ihr. \u201eMach auf.\u201c Als Marthe las, was Maja ihr aufgeschrieben hatte, sank sie auf den K\u00fcchenstuhl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eLiebe Omi, \u00fcber das Internet habe ich Fridtjof f\u00fcr dich gefunden. Er wohnt wieder hier in Hamburg und w\u00fcrde sich freuen, dich zu sehen. Er sagt, er hat damals so lange am Hammer\u00a0Stieg auf dich gewartet. Hier seine Adresse:\u00a0\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><span style=\"font-size: medium\">\u00a9 Katja Heimann-Kiefer<br \/>\nVerlinken erw\u00fcnscht, Kopieren verboten.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich hoffe, Marthes Geschichte hat Ihnen gefallen. Zugegeben, sie ist nicht ganz werbefrei, zeigt sie doch, welche gravierenden Folgen Nachl\u00e4ssigkeiten in Texten haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit dieser Geschichte schicke ich den Blog in die Weihnachtspause. Ich w\u00fcnsche Ihnen frohe und erholsame Feiertage, und m\u00f6gen Sie Ihre Lieben um sich haben. Bleiben Sie gesund \u2013 wir lesen uns n\u00e4chstes Jahr wieder!<\/p>\n<p>Und falls Sie gleich noch die Weihnachtsgeschichten aus den anderen Jahren lesen m\u00f6chten, klicken Sie <a href=\"https:\/\/kiefheim.de\/blog\/tag\/weihnachten\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-924 size-full\" src=\"https:\/\/kiefheim.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/5_weihnachten2021.jpg\" alt=\"rot-wei\u00dfer Weihnachtsstern aus Papier\" width=\"742\" height=\"551\" srcset=\"https:\/\/kiefheim.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/5_weihnachten2021.jpg 742w, https:\/\/kiefheim.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/5_weihnachten2021-450x334.jpg 450w, https:\/\/kiefheim.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/5_weihnachten2021-444x330.jpg 444w, https:\/\/kiefheim.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/5_weihnachten2021-549x408.jpg 549w\" sizes=\"auto, (max-width: 742px) 100vw, 742px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Weihnachtsgeschichte, von mir f\u00fcr Sie. 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